|
Predigt
im Pontifikalamt zum 100-jährigen Weihejubiläum
der katholischen Kirche St. Elisabeth zu
Eschwege
am 2. Oktober 2005
Liebe
Schwestern und Brüder der St.
Elisabeth-Gemeinde!
In
Israel gibt es zwei große Seen: der eine im
Norden, der See Genezareth, der andere im Süden,
am Rand der Wüste, das Tote Meer. Beide Seen
werden durch ein und denselben Fluss gebildet,
durch den Jordan, der...
Aber
beide sind grundverschieden.
Der See
Genezareth enthält frisches, klares Wasser, in
ihm wimmelt es von Fischen und Wassertieren. In
seiner Umgebung wächst, zumal im Frühjahr, eine
üppige Vegetation.
Ganz
anders das Tote Meer. In ihm lebt kein einziger
Fisch. Kaum eine Pflanze wächst an seinem Ufer.
Er ist im wahrsten Sinn ein „totes Meer".
Der
Unterschied beider Seen rührt von zwei Gründen
her.
Der See Genezareth nimmt das Jordanwasser auf
und gibt es weiter. Er ist geöffnet zum
Empfangen und Geben.
Das Tote Meer dagegen nimmt das Jordanwasser nur
auf, gibt es aber nicht mehr ab, sondern lässt
es bei sich selbst verdunsten. Dazu kommt noch:
Sein Untergrund besteht aus salzigem Gestein. Es
ist so versalzen und verbittert, dass das Wasser
selbst versalzen wird, dass weder in ihm noch in
seiner Nähe Leben gedeihen kann. Selbst tot und
unfruchtbar tötet es sogar anderes Leben.
In diesem Bild der beiden Seen Israels scheint
mir unser persönliches Leben und das einer
christlichen Gemeinde dargestellt zu sein: Leben
kann nur sein, wenn es einerseits geöffnet,
empfangsbereit ist — und wenn es andererseits
auch Empfangenes bereitwillig weiterschenkt, dem
See Genezareth gleich. Wenn das nicht gelingt,
muss Leben verkümmern.
Liebe Schwestern und Brüder!
Jesus, unser Herr, konnte sich deswegen „das
Leben" schlechthin nennen, weil er beides wie
keiner sonst realisierte. Er war ganz offen Gott
gegenüber. Seine Speise war es, „den Willen
seines Vaters zu tun". Andererseits war er aber
auch in unübertrefflicher Weise offen für seine
Mitmenschen, schenkte die von Gott empfangene
Liebe an andere weiter. ER verschenkte sich bis
zur Todeshingabe am Kreuz.
Liebe Schwestern und Brüder!
Es wird
Ihnen sicher auch aufgefallen sein, dass das so
genannte „moderne Denken" einen Begriff
ausformuliert hat, der vor rund 30 Jahren noch
gänzlich unbekannt war:
Selbstverwirklichung.
Das an sich richtige und notwendige Ziel der
Selbstverwirklichung wird von vielen sowohl
atheistisch als auch egozentrisch
missverstanden. Autonom halten sie sich selbst
für die erste und letzte Instanz ihrer
Lebensentscheidung. Individualistisch dreht sich
bei ihnen fast alles um das eigene Ich — und das
nicht ohne Folgen:
Es zerbrechen Ehen, weil jeder und jede nur die
eigene Verwirklichung sucht; koste es, was es
wolle.
Die Zahl derer, die nicht mehr bereit sind, sich
für andere in Gesellschaft und Kirche
ehrenamtlich zu engagieren, weil dadurch ihr
Privatleben beeinträchtigt wird, wächst rapide.
Ich-zentrierte Selbstverwirklichung aber gleicht
dem Toten Meer, das in sich verschlossen und tot
ist und in dessen Nähe deshalb auch kein Leben
gedeiht. Genau das ist es, was Paulus in seinen
Briefen mit den Worten „Sünde" und „Tod"
bezeichnet. „Wir dürfen nicht für uns selbst
leben ..., denn auch Christus hat nicht für sich
selbst gelebt." (Rom 15, 1).
Was für
uns, liebe Schwestern und Brüder, als Einzelne
gilt, hat auch für jede Gemeinschaft, besonders
für eine christliche Gemeinde, Bedeutung. Ein
Jubiläum, wie Sie es heute hier feiern, sollte
wohl auch eine Gelegenheit sein, sich zu
vergewissern, worin wahres Leben einer
Gemeinschaft begründet ist; wo deren Quelle ist.
Ich glaube felsenfest, dass eine Kirchengemeinde
mit all ihren Einrichtungen nur in dem Maße
lebendig ist, als auch in ihr ein Empfangen und
Weitergeben gelebt wird.
„Empfangen" allerdings nicht in dem gewöhnlichen
Sinne, dass jede und jeder Einzelne nur für sich
allein einen optimalen kirchlichen Service
erwartet: also ansprechende Gottesdienste,
soziale-caritative Hilfeleistung,
Freizeitveranstaltungen und eine religiöse
Überhöhung bestimmter Lebensereignisse wie
Geburt, Eheschließung und Beerdigung. Nein,
solch erwartete Rundumversorgung, solche
Passivität widerspricht dem Leben, das uns Jesus
geöffnet hat.
Wir
müssen uns daran gewöhnen, Abschied zu nehmen
von einer Versorgungskirche — und Formen finden,
wie alle Getauften und Gefirmten sich ihrer
Würde entsprechend einbringen können, mittragen
können. Das wird, vermute ich, noch ein langer
und schwieriger Weg, der vor uns liegt. Aber wir
müssen ihn gehen! Nur so wird die kleiner
werdende Zahl bekennender Christen in einer
unchristlich werdenden Welt Sauerteig. Daraus
ergibt sich auch, dass eine Gemeinde nur dann
lebendig ist, wenn sie gemeinsam danach fragt,
was Gott von ihr will; und wenn sie versucht,
das dann Erkannte in die Tat umzusetzen. Es
entspricht dem, was unser Hl. Vater beim
Schlussgottesdienst des Weltjugendtages gesagt
hat: „Wir müssen mit Weggefährten gemeinsam die
große Pilgerstraße weitergehen, die uns die
Weisen aus dem Orient zuerst gezeigt haben."
Liebe Schwestern und Brüder!
Ich
sprach von der gemeinsamen Suche dessen, was
Gott von Ihnen will — hier in Eschwege. Und von
der Notwendigkeit, das als richtig Erkannte
gemeinsam auch zu tun, konsequent zu tun. Das
wird nur möglich sein im Vertrauen auf Gottes
Beistand. Lassen Sie sich also anstecken von
seiner Dynamik, treiben von seinem Sturmwind!
Seit
unserer Taufe und Firmung sind wir alle
„Geistbegabte", alle „Geistliche", wenn wir es
richtig verstehen! Das ist der Energievorrat
unseres Lebens, unseres Wirkens als Christen!
Gottes
Geist möge Ihnen helfen, ein See Genezareth zu
sein: eine Gemeinde, lebendig und geöffnet zum
Empfangen und Geben — bloß kein Totes Meer,
verbittert und versalzen. Das ist heute mein
erster Wunsch an Sie!
Ich habe
noch einen zweiten: Sie feiern ein großes
Jubiläum, haben einen Festkalender erstellt. Vor
100 Jahren wurde Ihre Kirche geweiht. Seitdem
haben sich hier immer wieder Menschen
versammelt, um ihr Leben in den verschiedenen
Grenzsituationen vom Glauben an Jesus Christus
her zu deuten. Sie haben Ihre Gemeinde je neu
auferbaut durch die Communio mit Christus im
Brotbrechen ...
„Jubiläum" — Im Hintergrund dieses Wortes steht
das hebräische „Jobeljahr", das in Israel alle
7x7 Jahre im folgenden 50. gefeiert wurde und je
ein Jahr des neuen Anfangs war.
Alles im
gesellschaftlichen Leben des Volkes Gottes wurde
im Jobeljahr in seinen ursprünglichen Zustand
zurückversetzt: Schulden wurden aufgehoben,
Sklaven wurde die Freiheit geschenkt.
Das
Jobeljahr wurde als das Geschenk eines neuen
Anfangs und einer sich stets erneuernden
Geschichte verstanden. So erfuhr das Volk
Israel, dass es gerade in der Tradition seines
Weges mit Gott nicht auf seine eigene
Vergangenheit festgelegt, sondern von der
Zukunft Gottes her bewegt war.
Meine
herzlichen Glück- und Segenswünsche möchte ich
in diesem Zusammenhang verbinden mit meinem
zweiten Wunsch: dass Sie aus der Feier Ihres
Jubiläumsfestes Kraft erhalten, die nächsten
notwendigen Schritte in die Zukunft zu tun.
Das gebe Gott!
Amen. |